Marbacher Uni-Viertel

Leben im Marbacher „Universitätsviertel“
Neue Familien kommen in die Marbach
Von Frau R. Schauer

Im Sommer und Herbst 1968 vergrößerte das neue Viertel den Ortsteil Marbach. Zu dieser Zeit war Marbach selbständig und gehörte zum Landkreis Marburg.
Auf dem Hasenküppel hatte die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft Hessen (GAGFAH) Große Mehrfamilienhäuser und Einfamilienhäuser gebaut. Der Bau wurde für viele Jahre von der Philipps-Universität Marburg für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bezuschusst, sofern sie mit ihren Familien mit 3 und mehr Kindern dort einzogen. Das hatte zur Folge, dass sehr viele Kinder in diesem Viertel wohnten.
Eine für damalige Verhältnisse Besonderheit war, dass die Wohnungen 2 Toiletten hatten: eine im Bad und eine im Windfang. Nun gab es, wenn morgens die Väter zur Arbeit gingen und gleichzeitig die Kinder zur Schule mussten, im sanitären Bereich keine Engpässe mehr. So haben sich die sanitären Techniken und die Abortologie insgesamt weiter entwickelt (siehe auch MN Nr. 44, Seite 1).
Ab dem Sommer 1968 rollten die Umzugswagen an, meist weither aus anderen Universitätsstädten. Die neuen Häuser am Höhenweg, Holderstrauch und Birkenweg füllten sich mit Leben, und Kinderlachen ertönte dort überall. Der Birkenweg war besonders beliebt, da er als Sackgasse ohne Durchgangsverkehr blieb. Dieses Areal gehörte früher als Obst- und Erdbeerplantagen zur Gärtnerei Seibert. Das Gelände war allerdings ab dem Beginn der Bauzeit nicht mehr kultiviert. Bauschutt und entwurzelte Bäume hatten dort ihren Platz, der von den Kindern bald als herrlicher „Abenteuerspielplatz“ genutzt wurde. Ansonsten standen die einheitlich gebauten Häuser ohne Baum, ohne Strauch und ohne Busch da. Wir Neubürger kamen nicht in ein gewachsenes Dorf. Es gab keine Busanbindung, kein Geschäft, keinen Kindergarten, keinen Spielplatz, am Höhenweg gab es nur einen Briefkasten. Versorgt wurden wir vom Bäcker Müller, der in einem Verkaufswagen sein Sortiment an Brot und Brötchen uns präsentierte. Eine Bauersfrau aus Dagobertshausen kam in ihrem Auto voller Eierstiegen. In ca. 20 Minuten Fußweg (die wenigsten Mütter hatten einen „Zweitwagen“) erreichten wir den Lebensmittelladen Müller. Dort lernten wir dann auch andere Dorfbewohner beim Einkauf kennen. Mussten Kinderwagen und Kinder mitgenommen werden, konnten wir nicht mehr die den Weg abkürzenden Treppen (z. B. an der Schule entlang) nehmen. Wir mussten dann entlang der Straße den doppelt solangen Weg entlang der Straßen laufen. Bergauf aus dem Dorf zurück nach Hause benötigten wir bis zu einer Stunde. Häufig begleiteten die Mütter noch mehrere Kinder, die mit Neugier und Freude jede Schnecke und sonstige Entdeckungen begutachten mussten.
Ganz in unserer Nähe war der neu erstellten Aussiedlerhof Nau. Unsere mit Namen gekennzeichneten Milchkannen brachten wir am Nachmittag auf den Hof und holten sie vor dem Frühstück morgens um 7 Uhr gefüllt mit Milch wieder ab. Die immer freundliche Bäuerin Frau Nau mit einem großen Herzen hatte häufig ein paar nette Worte für uns „Siedler“ übrig. Unsere Kinder durften auch die Tiere auf dem Hof anschauen und kennenlernen.
Bild vom Bauernhof
Auf der gegenüber leigenden Seite des Höhenweges und an den Straßen Dornbusch und Holderstrauch gab es bereits einige Jahre zuvor gebaute Häuser. Es war also eine infrastrukturelle Wüste. Die Mütter waren tagsüber auf sich allein gestellt. Sie führten den Haushalt und gewährleisteten die Betreuung der Kinder und die Versorgung der Familien. Die neu bezogenen Wohnungen mussten ja erst zu „Heimstätten“ geformt und gebildet werden. Ein junger Mann namens Wege war zu dieser Zeit der begehrteste Mann. Er war der Bauleiter und wurde immer gerufen, wenn Wasserhähne tropften, Türen und Fenster klemmten und nicht schlossen usw.
Die Frauen, besser die Mütter, waren nicht berufstätig, obwohl sie alle einen Beruf erlernt bzw. studiert hatten. Der Zusammenhalt zwischen ihnen war hervorragend, sie halfen einander die Probleme zu lösen und die für alle neue Lage und Herausforderungen zu bewältigen.

Bild Fest zur Einschulung

Bild Spielunterhaltung

Doch hatten die Frauen nicht nur ihre eigenen Alltagsprobleme in der Kindererziehung und Haushaltsführung zu bewältigen. Die Männer brachten auch noch ihre Belastungen aus dem Berufs- (Universitäts-)leben in das Ehe- und Familienleben hinein. Wie sich die Älteren sehr gut erinnern können, gab es Ende der Sechziger („1968er“), Anfang der Siebziger Jahre an den Universitätengroße Umbrüche. So mussten neben den Lehr- und Forschungsaufgaben diese gesellschaftlichen Umbrüche bewältigt werden. Studenten, aber auch wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Angestellte und Professoren (hier sei stellvertretend Prof. Dr. Wolfgang Abendroth genannt) demonstrierten gegen den „Mief von hundert Jahren“, gegen alte Strukturen an den Uni´s und widersetzten sich in Vorlesungen und Seminaren den geregelten Abläufen. Es war ein anstrengendes Klima in dem sich die Universitätsangehörigen bewegten.
Wir Mütter fühlten uns oft wie auf einer Insel. Im Sommer schaute „unser Hasenküppel“ wie ein Feriensiedlung aus. Im Winter hatten wir ein Schneelandschaft mit Iglos und ordentlich abgegrenzte Jägerzäune wie Schneegitter.
Die vielen Kinder, Zufriedenheit und Frohsinn verbreitend, traten immer in Pulks auf. Die Jungen bauten Hütten und Fahrzeuge, die Mädchen erstellten für ihre Plüschtiere und Puppen Wohnungen aus Verpackungsmaterial.

Bild Gemeinsames Spielen

Bild Basteln, Sägen, Hämmern

2. Bild Basteln, Sägen, Hämmern

Größere Kinder spielten erstaunlich geduldig mit den Kleineren, sie traten als „Kümmerer“ auf und lehrten ihnen u. a. auch mehrstrofige Singspiele.

Bild „mit den Füßen trab, trab, trab“

Neben „normalen“ Spielen Hüpfen, Verstecken, Klickern auf dem Treppenweg, war für die Kinder die Wohnumgebung ein Abenteuerspielplatz. Das entwickelte besonders bei den Jungen ein besonderes Erkundungsbedürfnis. Das mag folgende Episode verdeutlichen:
Zwei knapp fünfjährige Jungen, „Burschi“ und „Basti“ aus den Häusern Nr. 6 und 10 hatten ein schmales Holzhüttchen mit einem Herzchen in der Tür am Pappelweg entdeckt. Einer ging hinein, die Tür schloss und ließ sich nicht mehr öffnen. Schließlich hatte der Eingeschlossene die Idee: Unten durchkriechen, um in die Freiheit zu gelangen! Er konnte das Aborthäuschen der Bauarbeiter pudelnass, verschmiert und mit besonderer Duftnote versehen, verlassen. Von den mittlerweile hinzu gekommenen anderen Kindern wurde er als Held bewundert und der ganze Pulk begleitete ihn zu seiner Mama.

Die Jungen bastelten sich Schwengbütten zurecht, versahen sie mit Holzstückchen und trockenem Gras und zündeten dann kleinere Feuer an! Die Kinder balancierten auf Baumstämmen herum. Die niederliegenden Baumstämme trugen sogar noch Früchte: Zwetschgen und Äpfel. Außerdem wuchsen zwischen den Baumstämmen köstliche Erdbeeren, die allerdings von Jahr zu Jahr weniger wurden. Vom Gartenzaun des Hauses Nr. 10 bis zum „Abenteuerspielplatz“ betrug der Abstand nur 3 Meter. Obwohl das Törchen im Gartenzaun immer offen stand, kletterten Burschi und Basti immer über den Jägerzaun. Ein Vater zeigte Verständnis für die Kletterlust der Burschen und sägte die Spitzen des Zauns ab. Damit waren die Gefahren für die Gesundheit und Kleidung der Jungen gebannt, die Zahl der zerrissenen Hosen minimiert. Diese kindgerechte Veränderung des Jägerzauns ist auch heute noch zu sehen!
Anfang der Siebziger Jahre wurde der Kindergarten (1972 war die Inbetriebnahme) und ein öffentlicher Spielplatz auf dem Gelände der ehemaligen Obstplantage, des „Abenteuerspielplatzes“ gebaut. Die Kinder waren über den Verlust ihrer vielseitigen Spielmöglichkeiten sehr traurig und drückten auf vielfältige Weise ihr Bedauern darüber aus.
Es waren also erlebnisreiche Kindheitserfahrungen in einem Zeitraum von 8 bis 10 Jahren, die sehr prägend waren. Befragt man die Kinder, die damals am Birkenweg wohnten, heute, wenn sie ihren Kindern nach vielen Jahren diese Wohn- und Spiellage zeigen, so sagen sie immer noch begeistert, dass sie dort die schönste Zeit ihrer Kindheit verbrachten!

Text und Bilder: R. Schauer


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