April 16, 2024
Move-35

Marbacher Leserbrief – Eine etwas andere Sicht auf das MOVE-35 Konzept!

Marburg wie auch seine Stadtteile sind schön, anziehend, erlebnisreich, wenn nur seine verbesserungswürdigen, teils uralten Verkehrsstrukturen nicht wären. Derzeit wird im Rahmen des MOVE-35- Konzeptes eine solche Verbesserung geplant. Bei diesen Plänen sollte bedacht werden, dass eine Stadt einem Organismus ähnelt. Dieser benötigt zum Leben ein Gefäßsystem mit Hauptschlagadern, kleineren Gefäße und Kapillaren, über welche alles Lebensnotwendige mit abnehmender Geschwindigkeit zum Ort des Stoffwechsels, zu den einzelnen Zellen herangebracht und der Abfall entsorgt werden kann. Desweiteren Speicherräume für die größeren Transportsysteme, die Blutzellen!

Jede Störung dieses Versorgungs- und Entsorgungssystems ist verbunden mit kurz- und langfristigen Schäden durch Thrombosen, Infarkte, mit Absterbeprozessen, mit Zelltod und Siechtum.

Einer Stadt sieht man recht schnell an, ob in ihr das „Gefäßsystem“ in Ordnung, die Versorgung und Entsorgung der einzelnen Stadtteile, die Funktionsfähigkeit der Straßen, der Stoffwechsel  der einzelnen Zellen, der Häuser, der Wohnungen, der kleinen Geschäfte aufrechterhalten oder vernachlässigt und damit dem Sterbeprozess überlassen wird.

Schauen wir uns Marburg an!

Ein großer Teil der Straßen ist marode, gleich in welchem Stadtteil, nicht nur in der Altstadt, sondern  auch in einigen Stadtteilen, besonders in der Marbach, voller tiefer Schlaglöcher, für Autofahrer eine Zumutung, für Fahradfahrer eine erhebliche Gefahr. Die Stadt leidet schon seit längerem an diesen „Gefäßschäden“, an dieser „Arteriosklerose“, an der mangelnden Pflege, der mangelnden Gestaltung ihrer Verkehrswege! Was zur Zunahme der Staus und der Gefährdung der Verkehrsteilnehmer auf ihren Straßen geführt hat.

Doch was machen die Verantwortlichen?

 Auffüllen der Schlaglöcher? – Reparaturen der Fahrbahndecken? – Überlegter Ausbau der Straßen zur sicheren Nutzung durch PKW, Fahrradfahrer und Fußgänger, in engen Straßen für alle Verkehrsteilnehmer beispielsweise nur in Schrittgeschwindigkeit? – Neuer Parkraum in der Nähe des Bedarfs und dort wo nötig und möglich unterirdisch, zur Entlastung der Straßen? – Fahrradwege zu den Stadtteilen besonders nach Osten und nach Westen, dort zu den  Industriegebieten , z.B. nach Michelbach? – Wirksame Kontrollen der Geschwindigkeitsbegrenzungen, der Einhaltung von Verkehrsregeln, besonders  in der Innenstadt, in der Altstadt, für alle Verkehrsteilnehmer, auch für Raser, auch für die Verächter der Verkehrsregeln,  nicht nur im Auto, sondern  auch auf dem Fahrrad?  – Einschränkung des Schwerlastverkehrs in der Innenstadt, auf der Ketzerbach, dem Marbacher Weg, der von Behringstraße? – Bau einer „Hauptschlagader“ nach Westen, zu den Industriegebieten, durch den Behringtunnel?  

Weithin Fehlanzeigen!

Ein beträchtlicher Teil der Häuser in der Altstadt, in der Innenstadt sieht aus wie unbewohnt, Tag und Nacht dunkle, verschmutzte Fenster, verfallene Fassaden, ungepflegte Hauseingänge, vermüllte Innenhöfe! Slumbereiche? Am oberen Steinweg? In der Wettergasse? Am Renthof? Am roten Graben? In der Barfüßergasse, in den Seitenstraßen der Barfüßergasse hoch zur Ritterstraße und  in der Ritterstraße? An sich leicht zu erkennen!  In den Fußgängerzonen viele leerstehende Geschäfte, die Scheiben zugeklebt mit Plakaten! Potemkinsche Dörfer? Und Wandschmierereien zu genüge!

Das Sterben eines Stadtteils hat viele Gesichter!

Und was machen die Verantwortlichen?

Eine Renovierungs-, Sanierungs- und Reinigungspflicht der heruntergekommenen Häuser? – Eine Baupflicht für erschlossene Grundstücke?  – Die Förderung von Familien-gerechten Wohnungen in der Altstadt, in der Innenstadt?  – Von den Verkehrswegen abzweigende neue möglichst unterirdische Parkmöglichkeiten für die Altstadt, in der Nähe von Wohnungen, der kleinen Geschäfte,  der Arztpraxen, der Kanzleien, der Gaststätten, des Einzelhandels, für PKWs, oder auch für Fahrräder?  Für die dort Wohnenden, Arbeitenden, Kunden, Patienten, Gäste, Besucher? 

Zum größten Teil Fehlanzeigen!

Die Folgen: erhebliche Zunahme des Parksuchverkehrs und des Durchgangsverkehrs, beide auf denselben Straßen, mit vielen Staus rund um die Altstadt, in der Innenstadt, am Ketzerbach, auf dem Marbacher Weg, in der Deutschhausstraße, am Pilgrimstein, in der Biegenstraße und..und .. und!

Mit massenhaftem Ausstoß von Abgasen, von CO2.  Förderung des Klimaschutzes?   Fehlanzeige!

– Weil Parkräume, Parkhäuser, Tiefgaragen Mangelware sind oder nicht gefunden oder genutzt werden können von dem Parksuchverkehr zur Altstadt, für viele mit dem Ziel von Behördengängen, Arztbesuchen, Einkaufen in den kleinen Geschäften oder Kaufhäusern, des Besuches von Veranstaltungen in der Stadthalle oder in den Turnhallen!

– Weil die Innenstadt zum Nadelöhr geworden ist für den Durchgangsverkehr nach Westen, weil der Bau des Behringtunnels trotz besseren Wissens vom Stadtparlament verweigert wurde!

An sich könnte hier relativ schnell deutliche Abhilfe geschaffen werden! Für Fußgänger durch offene Rolltreppen, von den Verkehrwegen in Stufen hoch in die Fußgängerzonen, zum Steinweg, zur Barfüßerstraße und zum Schloss.  Durch eine großzügige Erweiterung des Parkhauses am Pilgrimstein in den Schlossberg hinein! Durch Nutzbarmachung der überzähligen,  nach Feierabend meist gänzlich freien  Parkflächen der Uni-Gebäude, der Stadtverwaltung  und der Schulen in der Altstadt und Innenstadt für die Öffentlichkeit, gegen Gebühr! Durch Genehmigung und Förderung des privaten Baus von Tiefgaragen, wenn diese auch für die Öffentlichkeit gegen Gebühr nutzbar sind. Durch einen konsequenten zügigen Bau von Fahrradwegen, besonders zwichen der Innenstadt und den Stadtteilen. Durch ein intelligentes, einladendes, stadtweites Verkehrsleitsystem, was direkt zu den freien Parkplätzen hinführt!  Grundsätzlich nichts Neues, in vielen Städten zu finden!  Doch in Marburg?

Einsicht bei den Verantwortlichen?

Man sieht keine konstruktiven Pläne, weder zur Verminderung des Parksuchverkehrs noch des Durchgangsverkehrs, sondern man liest nur von Planungen für Fahrverbote, von Parkverboten, von Verboten des Baus von Tiefgaragen, von der Vernichtung bestehender Parkplätze und von Bestätigungen des Verbots des Behringtunnels. Man liest das Ziel der Verantwortlichen, durch Verbote das PKW-Aufkommen um die Hälfte zu verringern. 

Doch die Folgen dieser Verbote sind absehbar: –  noch mehr Staus und Verkehrsinfarkte auf den restlichen, den verbleibenden Fahrstraßen,  – ein noch größeres Absterben der durch Fahrverbote  von den Verkehrswegen abgeschnittenen Bereiche der Altstadt, der Innenstadt! Dort Wegzug der letzten Familien, der älteren Bewohner, der letzten Arztpraxen, Kanzleien, Kleingeschäfte mit weiterem Verfall der Häuser, mit Funktionsverlusten, Lähmungen, Absterbeprozessen und toten Bezirken. 

Ähnlichkeiten zum Krebswachstum drängen sich auf. Tumore wirken durch ihre Zellwucherungen ähnlich wie Staus oder wie Fahrverbote. Sie führen zum Verschluss der sie versorgenden Gefäße . Durch den fehlenden Blutzufluss sterben die Zellen im Inneren des Tumors, entwickeln sich dort große tote Bereiche, Nekrosen. Denen weicht der Tumor aus, durch Wucherungen in die gesunden Randbezirke hinein: In diesen fördert er  das Wachstum von neuen Blutgefäßen zur Eigenversorgung, unter Zerstörung des  alten Gefäßsystems, wieder mit der Folge von Absterbeprozessen,  gefolgt von Nekrosen. Ein fortschreitender, ein letztlich tödlicher Prozess!

Man könnte glauben, die Bauplanungen der Stadt in ihren Randgebieten, so z.B.  am Oberen Rotenberg und Hasenkopf,  wären genau diese Art von Flucht in die gesunden Außenbereiche. Geplant von denjenigen, welche mitverantwortlich sind  für den vielfachen Sterbeprozess in der Innenstadt und Altstadt, weil diese Verantwortlichen es offensichtlich nicht schaffen, für diese kritischen, wertvollen Stadtteile eine konstruktive, bedarfsgerechte und zukunftsfähige Planung zu erstellen und umzusetzen, welche dort Wohnungen und  Arbeitsplätze ermöglicht wie auch sichert durch eine ausreichende Anbindung der Fußgängerzonen an versorgende Verkehrswege und nahe Parkräume.   

In der Vergangenheit ab Anfang 1980 gelang es dem Oberbürgermeister Dr. Hanno Drechsler (SPD),  trotz eines geringen städtischen Eigenkapitals viele Fördergelder herbeizuschaffen, um die Altstadt in ihrem Kern zu retten. Und er war äußerst erfolgreich! Seine Leistung ist unumstritten!

Zusätzlich gab es auch Ideen zur Entlastung der Innenstadt vom Parksuchverkehr und Durchgangsverkehr. Keine dieser Ideen wurde aus Kostengründen und/oder wegen prinzipiellen Widerspruchs aufgegriffen und umgesetzt. Man erinnert sich: 

Schlossberguntertunnelung (1985), Idee von Stadtrat Walter Troeltsch (CDU): ein Tunnel mit zwei Etagen durch die Oberstadt, beginnend bei Ahrens und endend in der Nähe von Elwert am Pilgrimstein mit ca. 450 Parkplätzen und Senkrechtaufzug zum Marktplatz.

Lahnuntertunnelung (1987), Idee von Oberbürgermeister Hanno Drechsler (SPD): eine doppelröhrige Parkröhre vom Mensaparkplatz zum Pilgrimstein.

Behringtunnel/Marbachtunnel (seit den 1980iger Jahren), Idee von Oberbürgermeister Dietrich Möller (CDU), eine 1175 Meter lange zweispurige Röhre vom Hinkelbachtal/Emil-von-Behring-Straße zur Wehrdaer Straße und der B3a-Auffahrt in Höhe Schlosserstraße, technisch und finanziell machbar, abgelehnt (1998) vom rotgrünen Stadtparlament, wie berichtet wurde mit dem Argument, dass durch den Ketzerbach zu wenig Autos fahren.

Heute, nach einigen Jahrzehnten Abstand, greift in der Innenstadt erneut ein Zerfallprozess um sich, besonders in der Altstadt. Nicht nur, aber auch wegen des dortigen Mangels an versorgenden Verkehrswegen und ausreichend nahen (unterirdischen) Parkmöglichkeiten.

Im Gegensatz zu damals verfügt heute die Stadt über sehr viel Eigenkapital. Doch offensichtlich investieren die Verantwortlichen kaum etwas davon in die zum Überleben der Altstadt, der Innenstadt, der Stadtteile notwendigen Verkehrsstrukturen. Stattdessen werden breitflächige Fahrverbote für PKWs geplant!  Werden diese Wirklichkeit, würde die Altstadt, die Innenstadt würden die Stadtteile weiteren Schaden nehmen. Und auf den  verbleibenden Verkehrswegen würden die Staus in drastischer Weise zunehmen, durch den Parksuchverkehr zu den verbliebenen Parkplätzen und durch den bleibenden Durchgangsverkehr. Und damit auch die CO2 –Emissionen.

Hier müssen die Verantwortlichen praktische und konstruktive Lösungen schaffen, müssen in die Verkehrsstrukturen so investieren, dass sie damit den Verfallsprozess der Altstadt, der Innenstadt nicht  beschleunigen, sondern stattdessen aufhalten, wenn nicht sogar die Grundlage für eine neue, für eine zweite Sanierung der Altstadt, der Innenstadt schaffen, mit einer attraktiven Verkehrs-Anbindung der Stadtteile.    Sehen die Verantwortlichen Ihre Verantwortung?

Red. – Autor ist den Marbacher Nachrichten bekannt.